Leipziger Volkszeitung

(…) Granden der Branche wie Archie Shepp, Sonny Rollins, Nils Petter Molvaer und viele mehr pflegen ihre eigenen Labels. Neuerdings auch Posaunist Gerhard Gschlößl. In Berlin gründete er gemeinsam mit dem Gitarristen Alberto Cavenati und dem Schlagzeuger Sunk Pöschl, eine Ornette-Coleman-Komposition zitierend das Label “Trouble in the East”, wo nun gleich mit vier CDs losgelegt wird. Anarchisch, verspielt, voller Witz und Verve spiegeln sie so in voller Vitalität die agile Berliner Szene: ihre internationale Anziehungskraft, ihre Bandbreite, ihre ungestüme Kreativität und ihre Netzwerkfähigkeit. “Die Tage der Major- und Mediumlabels sind gezählt”, konstatieren sie selbstbewusst, “Musiker vermarkten ihre Sache selbst, um die wichtigsten Belange in der eigenen Hand zu haben.”

Ulrich Steinmetzger, Leipziger Volkszeitung 29.4.2016

Bad Alchemy

 Jetzt schlägt’s 13, der Gerhard Gschlößl, ein Niederbayer von Geburt (was sich im Spiel mit Ms. John Soda, Console, dem Tied & Tickled Trio und The Notwist verriet), hat in Würzburg Posaune & Komposition studiert, bevor er sich 2004 nach Berlin absetzte. Und widerlegt damit meine Erfahrung, dass Wü, was NowJazz angeht, für wüst und leer steht. Ich hatte ihn schon im Augenwinkel mit dem Andromeda Mega Express Orchestra, Schmittmenge Meier, G9 Gipfel, Potsa Lotsa oder Vesna Pisarovic und gerade erst im Radioohr mit Peter Fulda und The Bellevue Nurses play “The Black Saint and The Sinner Lady”. Allerdings sollte ich mich nicht auf ihn allein kaprizieren, das Ende 2015 initiierte, ornetteophile Label im Berliner Osten ist ein Gemeinschaftsprojekt mit seinen Partnern in EIN GSCHLÖßL PÖSCHL MIT CAVENATI, dem Gitarristen Alberto Cavenati und Sunk Pöschl, Drummer bei Dave Biurrell, Paul Grabowsky, Andy Lutter, Ignaz Schick’s Decollage 3 und dem ICI Ensemble. Er ist als einziger fast alt genug, um auf Bitte! (TITE-Rec 001) Ozus “Tōkyō monogatari” in ‘Puppi Monogatari’ zu zerwitzeln, während bei “Nummer 5 lebt!” turns ‘Mahler’s Fünfte lebt’ eher die andern rumblödeln. Das ‘Filetstück’ in diesen ‘Asphalt-Tänzer’ischen ‘Parallelwelten’ ist neben einem Cocktailrezept die narrenfreie deutienische Interaktion von Posaune und Gitarre auf pöschl’schem Juckpulver. Erscheint Gschlößl gleich als launig-expressiver Melodiker, Cavenati aber noch als Zauderer, so entpuppt er sich noch vor ‘Puppi…’ als einer, der Rosi- nen aus der Krawallschachtel pickt. Gschlößl bläst die Backen wie ein Sumoringer, geht es nicht in die Tiefe, so doch in die Breite (wenn ich Rückschlüsse aus meinen Mundwinkeln ziehen darf). Pöschl tatzt auf dem heißen Blechdach, kollert, knispelt und topfdeckelt, Gschlößl röstet Posaunenklang wie Popcorn, kaut Blech, unkt sousaphon im Untergrund, Cavenati flimmert und pickt und scheint dabei Manlio Marescas Squartet-Gusto und Giacomo Ancillottos Sudoku Killer-Instinkt hinter- gründig zu zügeln. Es wird da vieles kleinteilig gezügelt und bruitistisch gekürzelt, aber mit verdammt pfiffigen Fisimatenten und genüsslichen Ausrutschern.

 

Rigobert Dittmann Bad Alchemy Magazine 2018

Bad Alchemy

TILTH bringt bei Zou No Jouro (TITE-Rec 004) ein Wiederhören mit Alberto Cavenati, mit Otis Sandsjö aus Göteborg am Tenorsax, der sich mit etwa Petter Eldh und Lucia Cadotsch neu erfunden hat, und dem Aachener Tilo Weber an den Drums. Die beiden kennen sich von Simon Kanzler’s Talking Hands, Sandsjös Wedding Group und Webers ambitioniertem “Animate Repose”. Weber hat durch die “Breaking with Habits”-Tour mit And The Golden Choir, Stuckrad-Barres “Panikherz” am Berliner Ensemble und das eigene Quartett Four Fauns einen vollen Terminkalender. Die Trioeinspielung vom Mai 2015 mag sich da wie ein Stück Vergangenheit ins Bild schieben, als eine zarte Episode, geprägt von Sandsjös verhaltenem, aber doch auch spekulativem Lyrismus. Wobei Cavenatis spitze Finger den Ton angeben und alle drei ähnlich subtil zu Werke gehen. Es mag mal ein rauer Ruck durchs Team gehen, aber gleich ist wieder ein Ventil verstopft und der Duktus spintisie- rend. Freakische Vorstöße sind erst auf der dritten Ebene eine Option, vordergründig dominieren Schmauchspuren und die Kunst, beengte Spielräume auszukosten. Mit feinem Zünglein und geistig ausnehmend wendig. Wäre die Welt ein Porzellanladen und wäre ich ein Elefant, Madame. Alle drei winden sich hintersinnig und geschmeidig um drei Ecken herum, und Weber lässt es dabei sogar wummern. ‘The Elephant Spreader’ bebopt und freakt, um mit einem Psst! gänzlich zu erstarren – und danach doch wieder mit den großen Ohren zu wedeln, mit sämigem Gitarrenton. ‘O Frigidaire’ wehrt sich zuletzt mit schrillem Protest gegen ein Mammutschicksal im Eis.

 

Rigobert Dittmann Bad Alchemy Magazine 2018

Berliner Zeitung

Die Wärme des Klangs. Unter dem Titel „Ein Gschlößl Pöschl mit Cavenati“ präsentieren sich die drei Gründungsmitglieder des neuen Indie-Labels Trouble In The East Records. Nicht nur den Namen ihrer feinen Firma haben die drei in Berlin lebenden Musiker, Posaunist Gerhard Gschlößl, Gitarrist Alberto Cavenati und Schlagzeuger Sunk Pöschl, bei Ornette Coleman entdeckt: Sie wollen ihre Sache selbst in die Hand nehmen und die Vermarktung ihrer Produkte von zu Hause aus betreiben. Das Geschäftsmodell sieht zunächst Produktionen aus dem inneren Kreis der Musiker vor, sie sind als Download erhältlich oder werden als CD verschickt. Ein Highlight der ersten vier Veröffentlichungen ist das Projekt der Bassistin Maike Hilbig mit Johannes Fink am Cello und Gerhard Gschlößl. Ein Trio mit zwölf schönen Stücken und Titeln wie „Schönefeld Tegel“, „Nord Berlin“ und „Mosh’s Cafe“, bei dem besonders die Wärme des Klangs und die Dichte der Improvisation überzeugen. Vorwärts – Rückwärts ist live am 20. Mai in der Buchhandlung Montag, Pappelallee 25, und am 13. August beim Festival Jazz an der Lohmühle zu hören.

Christian Broecking, Berliner Zeitung 14.05.2016

Bad Alchemy

VORWÄRTS/RÜCKWÄRTS ist da, Vorwärts (TITE-Rec 002) zeigt das, ganz anders gepolt. Gschlößl hat, wie auch bei Vierergruppe Gschlößl, Ammoniaphone, Gulf Of Berlin und Der Moment, Johannes Fink an der Seite. Der Erlanger spielt ansonsten mit Daniel Erdmann, Eric Schaefer + Demontage oder der Rolf Kühn Unit Bass, hier aber etwas fingerspitzer Cello. Der Bass ist in den guten Händen von Maike Hilbig, die sich seit 2012 mit Silke Eberhard als Matsch & Schnee einen Namen macht. Zu Anfang fallen sie gekonnt ganz aus der Zeit mit gießkannenbluesigem, stringpikatem Downtempo-Swing. Das ist retro und auch wieder nicht, wie auch der folgende ‘Schönefeld Tegel’-Groove, weil die altbekannten Phrasen ganz tongue-in- cheek aufgegriffen und aufs süße Brot geschmiert werden. Klingen sie da, hm, früher hätte man ‘kess’ dazu gesagt, so quakt und schlabbert Gschlößl gleich wieder wie in den Zeiten, als man totgekauten Kautabak in Spucknäpfe flatschte. Das Cello summt um Bienenstöcke und Soft Drinks, Hilbig lässt die Finger singen, blecherne Percussion geht wohl auf Gschlößls Kappe. Der Stoff ist nicht nur abgehangen, er ist auch fein und fast zum Mitsummen auskomponiert. Fink ist, selbst pizzicato, nicht weniger sanglich als die melodienselige Posaune. Die Töne tanzen Hand in Hand, auch wenn drunter die Füße wirbeln und Wechselschritte einlegen. Lieber noch räkeln die drei sich samtig und träumerisch, aber gegen allzuviel Kuschelei setzt Gschlößl einen komisch zirpenden oder breitmaul- froschigen V-Effekt. Es klingt, als wäre der Schah nie auf Berlin-Besuch gewesen, ja als hätte es doch eine ganz andere Zeit gegeben, weil das 1000jährige Reich nie stattgefunden hat. Es endet mit einem wehmütigen Tango mit wieder komischen Störungen. Vorwärts, Kameraden, wir müssen zurück? Das wahre Wesen der Nostalgie ist die Trauer über nie genutzte Möglichkeiten.

 

Rigobert Dittmann Bad Alchemy Magazine 2018

Bad Alchemy

CVDG PROJEKT steht für den Pianisten Christian von der Goltz, der auf Paradise (TITE- Rec 005) eigene Stücke und welche vom Baby Bonk-Trompeter Martin Klingeberg, vom Altosaxophonisten Henrik Walsdorff und vom Drummer Kay Luebke aufmischt mit freien Miniaturen. So dass, mit Jan Roder am Bass und Rudi Mahall an der Bassklarinette, para- diesvogeliges Getriller und kakophones Gestöber den schmusejazzigen Horizont aufrei- ßen und V-Effekte werfen durchs ‘Vostok’-Zeitfenster 1959-63 der schön dreistimmig ver- zopften Bop-Modernistik von ‘Zucks Delight’ oder ‘Bonk Da Monk’ in ihrer retrofuturisti- schen Spaceage-Zickig- und coolen Lässigkeit. Daneben stehen von der Goltzens ‘Marche Funèbre’ und ‘Lazy Old Days’ für die noch ältere Bluesiness weich gekochter Uhren und ‘Congo Sleepwalk’ für eine schlaffe Beulah, peel me a grape-Erotik bei 40° im Schatten. CvdGs erste musikalische Schritte spielten sich in Würzburg ab, sein Vater war Professor an der HfM, Klingeberg hat ’86 – 92 hier studiert (das nur als Fußnote). Aussagekräftiger ist da das Miteinander von Walsdorff und Roder mit Luebke in The Real Latinos und mit Mahall in Soko Steidle. Daher rühren die Synergien, die zusammen mit vdGs Weimarer Bauhaus-Spirit diesen Berliner Jazz paradieswärts orientieren

 

Rigobert Dittmann Bad Alchemy Magazine 2018

Jazzpodium

Trouble In The East Records wählten der Posaunist Gerhard Gschlößl, der Gitarrist Alberto Cavenati und der Schlagzeuger Sunk Pöschl, die alle drei Ostberlin zu ihrem Wohnort gemacht haben, als Name für ihr neu gegründetes Label, das nach einem Stück von Ornette Coleman benannt ist. Das Label steht für inspirierte Musik abseits des kommerziellen Kalküls. Das musikalische Spektrum reicht von Auskomponiert-Preziosen bis zur Experimentalimprovisation. Das Unternehmen betreibt eine Internetbasis inklusive Webstore. In regelmäßigen Abständen werden Label-Festivals veranstaltet, die Ensembles aus dem TITE-Programm vorstellen. Die Gründungsfeier fand bereits am 20.4. mit einer Label-Night im Aufsturz in Berlin statt, es stellten sich dabei vor: Ein Gschlößl Pöschl mit Cavenati, TILTH und Vorwärts- Rückwärts. Alle drei Formationen sind bereits auf TITE-Records zu hören, zudem zählt zu den ersten Veröffentlichungen des Labels die Formation Reich durch Jazz.

JAZZPODIUM 2/16

Bad Alchemy

Zwischen Reich durch Jazz (TITE-Rec 003) von REICH DURCH JAZZ und Die Ent- täuschung, speziell deren “Lavaman” (Intakt, 2017), gibt es allerhand Sowohl-Als-Auch. Nämlich hier wie dort Michael Griener an den Drums, Jan Roder am Kontrabass und Rudi Mahall an der Klarinette plus hier Gschlößl & Fink, wieder mit Cello, dort Dörner & Thewes. Und dort wie hier auch das Titelstück, ‘Jazz als Hobby’, ‘Reich durch Pfand’, ‘Wer Nichts fürth fürth Fürth’ und ‘Die Wohlgesonnten’, dazu Finks ‘O.T. von “Vorwärts”. Das ist keine Frage von Prioritäten, sondern schlicht der Tatsache geschuldet, dass man gemeinsam gern das Valentin Stüberl frequentiert und dass, wie Roder es formuliert, was ‘Zum einen Ohr rein…’ schallt, gern mal als Schnupfen grassiert. Der lockere Verbund gleichgesinnter Vögel zeitigt lockere und vogelige Versionen von postboppigen Idiosynkrasien. Motto: Schräger Vogel fängt den Ohrwurm. Eine schlaue musikalische Fraktion hat mal die Begriffe Intelligenz und Dance Music verschmolzen und als sexy deklariert. Was nun wirklich nur ein Rip-off der Hochzeit von Sophistication und Dancing in Your Head ist. Womit ich elegant bei der Quirkiness des TITE-Paten Ornette Coleman gelandet bin und damit einer der melodisch gewitztesten und offensiv geistesgegen- wärtigsten Formen von Beschallung, mit einem ultrageschmeidigen, siamesisch beschnäbelten Bläserpaar und einer durch Finks Pizzicato noch erhöhten Quicklebendig- keit. Wobei Gschlößls ‘Pizza Margerita’ mit stupendem Cellopizzicato und kessem Klarinettenschmus demonstriert, wie man der Popschnulzerei ein Schnippchen schlägt.

 

Rigobert Dittmann Bad Alchemy Magazine 2018